Vor kurzem habe ich mich in eine Diskussion mit einem bekannten Lektor eingemischt, der sich selbst als Ausbilder für angehende Lektoren (ja, er nutzt bewusst nur die männliche Form) bezeichnet. In einem älteren Online-Seminar positionierte er sich deutlich gegen geschlechtergerechte Sprache und ging sogar so weit, dass er ankündigte, fortan „der Bundeskanzler Angela Merkel“ zu sagen. Getreu dem Motto: „Frauen sind seit über 2000 Jahren mitgemeint.“
Diese Aussage steht sinnbildlich für ein Denken, das Sprache als bloßes Werkzeug versteht. Für ihn ist Sprache etwas, das unabhängig von gesellschaftlichen Realitäten existiert. Doch Sprache ist kein neutrales Medium. Sie spiegelt nicht einfach, sie formt. Und wer mit Sprache arbeitet, sei es beim Schreiben, Übersetzen oder Lektorieren, trägt Verantwortung dafür, welche Weltbilder weitergegeben und welche infrage gestellt werden.
Gesellschaft ist ein Konstrukt
Wir neigen dazu, von der Gesellschaft zu sprechen, als wäre sie ein stabiles Gebilde: gegeben, gewachsen, unveränderlich. Doch Gesellschaft ist nichts anderes als ein Ideenkonstrukt, geformt durch Sprache, Vorstellungen und Narrative, die seit Jahrhunderten ständig wiederholt werden. Gesellschaft existiert nicht außerhalb des menschlichen Denkens, sondern einzig und allein darin.
Deshalb wird deutlich: Wer Geschichten schreibt, übersetzt oder lektoriert, arbeitet nicht nur mit Sprache, sondern mit der Vorstellungskraft einer Gesellschaft. Und nirgendwo zeigt sich ihre Wirkmacht so deutlich wie in Kinderbüchern.
Kinderbücher als sprachliche Frühprägung
Kinderbücher geben oft den Ton an. Mit ihnen lernen Kinder, wie ihre Welt funktioniert, wer in ihr vorkommt und wessen Sichtweise zählt. Sprache schafft nicht nur Bedeutung, sondern auch Grenzen dessen, was denkbar ist.
Wenn in Texten Jungen handeln und Mädchen fühlen, Eltern immer heteronormativ und Familien stets harmonisch sind, dann wird über Sprache ein Weltbild vermittelt, das sich als „natürlich“ tarnt, aber konstruiert ist. Und genau da beginnt die redaktionelle Verantwortung: in der Frage, welche Ideen über Sprache weitergegeben werden.
Verantwortung von Autor*innen, Übersetzer*innen und Lektor*innen
Gerade Menschen, die an der Entstehung oder Übertragung von Kinderliteratur beteiligt sind, tragen eine doppelte Verantwortung:
- Sie gestalten ästhetisch, indem sie mit Klang, Rhythmus und Bildern arbeiten.
- Aber sie gestalten auch gesellschaftlich, indem sie Begriffe auswählen, Rollen rahmen und Wirklichkeiten bestätigen oder infrage stellen.
Ein Lektorat, das sensibel für Sprache ist, prüft nicht nur auf Grammatik und Stil, sondern auch auf Bedeutungsebenen: Welche impliziten Bilder werden aktiviert? Wer wird sichtbar gemacht, wer bleibt unsichtbar? Welche Haltung spricht zwischen den Zeilen?
Übersetzer*innen stehen dabei in besonderer Nähe zu diesem Prozess. Sie müssen nicht nur Wörter übertragen, sondern auch kulturelle Konnotationen und Hierarchien reflektieren – und sich fragen, ob sie diese unkommentiert weitertragen oder kritisch brechen.
Geschichten als Gestaltung von Wirklichkeit
Wenn wir akzeptieren, dass Gesellschaft ein Konstrukt ist, verstehen wir jede sprachliche Entscheidung als Teil ihres Baus. Kinderbücher sind somit keine harmlose Unterhaltung, sondern das Grundgerüst der kulturellen Vorstellungskraft.
Jedes Pronomen, jedes Adjektiv, jede Rollenbeschreibung stützt oder verschiebt Narrative. Wer Sprache formt, formt die Welt mit, die Kinder als „normal“ empfinden. Und genau darin liegt die Chance meines Berufs: Ich möchte Geschichten nicht nur erzählen, sondern neue Möglichkeiten des Denkens eröffnen.
Kinderbücher, die ich empfehle, weil sie Diversität fördern und durch neue Narrative alte Bilder aufbrechen, findest du in meiner Bücherecke.
