Verena Kesslers Roman Gym (Hanser 2025) führt uns in ein Fitnessstudio, das sich fast vollständig zum Mikrokosmos einer Leistungsgesellschaft verdichtet. Was zunächst wie eine ironische Milieustudie wirkt, entfaltet sich rasch zu einem feministischen Body‑Horror um Körper, Selbstoptimierung und Identität – gespielt auf der vermeintlich harmlosen Bühne der Trainingsmaschinen.
Mikrokosmos MEGA GYM
Die Handlung spielt fast ausschließlich im fiktiven MEGA GYM: ein Studio voller High‑Performer, Bodybuilder, Protein‑Shakes und Spiegel, in denen jeder Körper von sich selbst beobachtet wird. Kessler nutzt dieses Setting als lupeartige Bühne, auf der sich unterschiedliche Subkulturen – vom Leistungsideologen über die Social‑Media‑Fitness‑Influencerin bishin zum eher zufälligen Sportler – begegnen. Das Fitnessstudio mutiert so zur allegorischen Bühne einer Gesellschaft, in der Selbstbild, Status und Selbstwertmaßstäbe sich vor allem im Körper festlegen.
Eine Figur auf Spektrum
Die namenlose Protagonistin ist Ende zwanzig, hat gerade ihren Job verloren und sucht sich zunächst pragmatische Aushilfsarbeit als Aushilfe im Fitnessstudio. Doch schon bald rutscht sie in den Wirbel des Studios hinein: Aus dem ursprünglichen Ziel, „Gewicht zu verlieren und sichtbar besser“ zu werden, wird ein nahezu wissenschaftlich betriebenes Optimierungsprojekt mit Kalorienzählen, High‑Protein‑Ernährung, engen Klamotten und steigender Hingabe an den eigenen Körper. Schritt für Schritt rückt sie in die Nähe der High‑Performer, bevor sie sich selbst mit Steroiden und extremer Trainingsdisziplin in eine Art experimentellen Körperwahn hineinsteigert.
Ironie, Humor und steigender Horror
Kessler erzählt mit einer Mischung aus leichtfüßiger Milieubeobachtung, ironischer Distanz und zunehmendem, filmisch verdichteten Horror. Die Beschreibung „perfekter“ Körper, protziger Trainingsoutfits und internen High‑Performer‑Jargons wirkt anfangs amüsiert, doch je weiter die Protagonistin sich in die eigene Körperwelt hineinzieht, desto klarer wird: Das Studio ist kein spaßiger Fitness‑Kosmos, sondern ein Spiegelraum, in dem sich die Grenzen zwischen Selbstfürsorge, Selbstoptimierung und Selbstzerstörung aufzulösen beginnen.
Gesellschaftskritik ohne Moralkeule
Gym leistet literarisch vor allem deshalb Überzeugendes, weil es gesellschaftliche Phänomene wie Selbstoptimierung, Leistungsdruck und Image‑Kalkül nicht über mühsame Theorie, sondern über die physische Figur in Szene setzt. Die Radikalisierung der Protagonistin – von sanfter Selbstverbesserung hin zu einer betont projektierten „New construction“ des eigenen Körpers – wirkt wie eine „Fallstudie falschen Bewusstseins“. Was als harmloses Selbstexperiment beginnt, endet in einer Zerfrisierung des Selbstbilds: der Körper wird zum einzigen Maßstab – und wird doch als unzuverlässiges Versprechen entlarvt.
Ein neuer Schauplatz im Romanfeld
Vor dem Hintergrund von Kesslers früheren Büchern (Die Gespenster von Demmin, Eva) wirkt Gym wie ein bewusster Schwenk hin zu einer zugleich zeitgenössischeren, ironischeren und näher am Alltag verorteten Gesellschaftskritik. Die Entscheidung, das Fitnessstudio als zentralen Schauplatz zu wählen, erweitert das literarische Spektrum um einen bislang relativ unterbesetzten Raum: die „Muckibude“ als allegorische Bühne, in der sich äußere Erscheinung und innere Unsicherheit treffen.
Wer sich für eine kluge, oft ironisch gehaltene, aber letztlich scheußlich nachvollziehbare Analyse des Selbstoptimierungs‑Wahns begeistert, wird in Gym einen überraschend brisanten, zugleich unterhaltsamen Roman finden – der sich im Spiegel des Studios nicht nur auftrainiert, sondern auch schonungslos entblößt.
Absolute Leseempfehlung!!!
