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Wörtlich übersetzt bedeutet Sensitivity Reading so viel wie: “Gegenlesen bei sensiblen Themen.”

Viele Autor*innen möchten Diversität in ihre Texte einbringen und marginalisiert Gruppen repräsentieren.

Doch über Erfahrungen und Realitäten zu schreiben, die sich außerhalb der eigenen Zugehörigkeit befinden, fällt oft schwer oder scheint sogar unmöglich zu sein, ohne dabei in Klischees oder Stereotypisierungen zu rutschen. Ohne eigene Referenz sind die Gefühlswelten und Erfahrungen der marginalisierten Gruppen schwer in Worte zu fassen. Auch authentische Charakterdarstellungen fallen oft unbemerkten Mikroaggressionen oder unbemerkt abwertenden Formulierungen zum Opfer.

Sensitivity Reader*innen sollten zur marginalisierten Gruppe gehören. Einem weißen Cis-Mann einen Sensitivity Read über FLINTA* anzuvertrauen, bringt ebensowenig Erfolg wie mir als weißer FLINTA* einen Text über Schwarze Personen zum Sensitivity Read in Auftrag zu geben.

Was ist ein Sensitivity Read?

Bei einem Sensitivity Read überprüfe ich deinen Text oder deinen Film auf verletzende und missverständliche Darstellungen und Ausdrucksweisen.

Ein Sensitivity Read ist also ein Lektorat mit Schwerpunkt auf diskriminierungssensible Sprache. Bei einem Sensitivity Read achte ich also besonders auf Stereotypisierungen von FLINTA*, abwertende Formulierungen und Mikroaggressionen. Ebenso wie bei einem regulären Lektorat werde ich aber nicht in deinen Text eingreifen, sondern dich mit Kommentaren auf problematische Stellen hinweisen und dir Tipps zur Umformulierung geben.

Was sind Mikroaggressionen, Stereotypisierungen und abwertende Formulierungen?

Mikroaggressionen sind nett gemeinte Äußerungen, die aber eine diskriminierende oder vorurteilshafte Aussage besitzen. Während man klischeehafte Darstellungen sehen kann, befinden sich Mikroaggressionen zwischen den Zeilen. Sie sind dazu da, um Menschen auszugrenzen oder fremd zu machen, auch wenn sie wohl gemeint sind.

Die Frage “Woher kommst du?”, wenn die Herkunft gemeint ist und man das fremde Aussehen einer Person nicht zuordnen kann, ist eine Mikroaggression. Die Aussage “Ich sehe keine Farben”, wenn damit Hautfarben gemeint sind, spielt die Identität und Erfahrungen von BI_PoC runter ebenso wie Rassismus. “Für eine Frau bist du aber klug.” Was zunächst wie ein Kompliment klingt, ist in Wahrheit eine Mikroaggression, denn impliziert ist, dass Frauen im Allgemeinen weniger intelligent sind als Männer.

Stereotypisierungen sind klischeehafte Darstellungen von Menschen und Menschengruppen. Hierunter fällt zum Beispiel der Orientalische Teppichhändler, die Lesbe, die als KfZ-Mechanikerin arbeitet, oder die Vietnamesische Blumenverkäuferin. Auch dicke Frauen werden oft in fürsorgliche Rollen gesteckt, während schlanke Frauen als Sexbomben gelten.

Die Bezeichnungen “Kampflesbe”, “Leckschwester” oder “an den Rollstuhl gefesselt” sind abwertende Formulierungen.

Ein*e Sensitivity Reader*in gehört der betroffenen Gruppe an (jemanden im engen Verwandten- oder Bekanntenkreis zu haben, reicht nicht aus) und spürt diese problematische Formulierungen auf. Als studierte Übersetzerin und freie Lektorin, alleinerziehende Mutter und queere Frau und Opfer von sexualisierter Gewalt habe ich mich auf Sensitivity Reads spezialisiert, die ebendiese Themen genau unter die Lupe nehmen.