Laut. Schonungslos. Feministisch.

Wenn eine Frau mit zwanzig Jahren Bühnenerfahrung ihre eigene Geschichte erzählt und das Buch dann auch noch „Nackt” nennt, stellt sich bei mir sofort eine Erwartungshaltung ein: Dieses Buch kann nur auf Sex, Drug’s and Rock’nRoll herauslaufen. Und das tut es auch – und noch viel mehr.

Jennifer Weist liefert die versprochene Enthüllung allerdings nicht nur in Form von bloßem Exhibitionismus, obwohl sie auf der Bühne gern mal blank zieht und das (zurecht) als feministischen Akt bezeichnet. „Nackt” ist viel mehr als blanke Brüste, es ist ein zersplitterter Spiegel. Die Frontfrau von Jennifer Rostock, die als Solokünstlerin unter dem Namen Yaenniver ihr erstes Soloalbum mit gleichnamigen Titel wie das Buch veröffentlich hat, entblößt sich auf 384 Seiten Prosa: Neben Sex ohne Ende, Drogenexzessen und Polyamorie als Beziehungsmodell zieht sich vor allem ein Kindheitstrauma wie ein dunkler, wabernder Faden durch ihr Buch.

Feminismus als Maske und Manifest

Weists Feminismus pulsiert durch jede Zeile: Sie appelliert an LGBTQ+-Solidarität, räumt mit Diskriminierung auf und thematisiert Machtmissbrauch in der Musikindustrie: vom ersten Manager-Übergriff bis zu Fan-Attacken, die sie selbst einst spiegelte. Frühe Jennifer-Rostock-Shows, bei denen sie Männer fesselte und ihnen ungefragt in den Schritt griff, werden zur reflexiven Doppelmoral: „Nicht verurteilt, weil Frauen“, gesteht sie. Sie versucht einen feministischen Umschwung von der Rampensau zum Rolemodel, das Normschönheit und Sexismus enttarnt. Polyamorie als „konsensuelle Nicht-Monogamie“ wird zur Freiheit jenseits patriarchaler Monogamie. Sie wirkt belehrend gegen Vorurteile und scheint sich doch zu rechtfertigen, als müsse sie ihre Lust vor ihrem inneren Richter verteidigen.​ Dabei schreibt Weist zuweilen selbst über die Problematik der Internalisierung, sei es nun internalisierte Misogynie, Queerfeindlichkeit oder internalisierter Rassismus. Ihre eigene Internalisierung scheint sie selbst noch nicht ganz losgeworden zu sein.

Ihr Einsatz wirkt teilweise formelhaft: Der Schlagwort-Korso wirkt überzeugend gegen Sexismus, Ableismus. Es ist Feminismus aus dem Handbuch, der Authentizität vortäuscht von einer weißen, schlanken, heterosexuellen Frau, die in ihrem Leben einige Privilegien genießt. Ihre Haltung gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit feiere ich sehr, doch ihre Erzählweise ist schwach und liest sich wie das Tagebuch einer Teenagerin.

Der Riss: Trauma als feministischer Ursprung

Triggerwarnungen, eine ganze Seite Grausamkeiten, weisen auf ihren Kern: Als Sechsjährige wurde sie vom Bekannten der Mutter missbraucht. Die Erinnerungen daran, die sie zunächst verdrängt hatte, werden im Teenagerinnenalter wieder hochgespült. Dieser Bruch erklärt die Masken und den Drang zur Nacktheit als Therapieersatz. Sexualisierte Gewalt als roter Faden, von der Kindheit zu Übergriffen in der Musikindustrie, wo Weist vieles stumm hinnahm, um zu überleben. „Nackt“ ist Selbstheilung. Es ist feministisch radikal und kehrt die Scham erfolgreich um. „Die Scham muss die Seite wechseln.” „Nackt” ist ein MeToo-Manifest, das mutig private Wunden politisiert.

Während viele sie als „männerhassende Zecke” bezeichnen, bewundere ich Jennifer Weist für ihren Mut und ihren Einsatz. Denn auch sie hat bemerkt, wie anstrengend und zermürbend der Kampf gegen das Patriarchat ist. Auch sie würde manchmal am liebsten alles hinschmeißen und wieder „ignorant” sein wie früher. Doch dann fällt ihr wieder ein, wofür sie das tut, auch wenn sie nach eigener Aussage die Ergebnisse ihres Kampfes nicht mehr miterleben wird.

Mir geht’s manchmal ganz genauso, Jennifer.

Lese-Empfehlung

„Nackt“ scheitert literarisch am Formelhaften, gewinnt aber als rohes Manifest. Es ist ein Buch, das wehtut, weil es die Wunde nicht heilt, sondern ausstellt. Weist bleibt laut, verletzt und sucht nach der Sprache, die ihre Wahrheit trägt. Sie ist eine Ally, die ihre Privilegien sieht, ihre Fehler eingesteht und es nun besser machen will.

Von mir gibt es eine klare Lese-Empfehlung für dieses Buch.

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